Zum Ausgang der Abgeordnetenhauswahl 2011 und den Ursachen, Ausblicken und Notwendigkeiten
Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist eine Waise. Aber die Niederlage in Berlin haben alle LINKEN gleichermaßen zu verantworten. Wenn wir uns darauf verständigen, uns jetzt nicht gegenseitig zu beschuldigen, sondern unsere jeweilige Verantwortung anzuerkennen, dann können wir daraus sogar lernen.
Von: Koordinierungskreis Emanzipatorische Linke Berlin
DIE LINKE hat sich in den vergangenen Jahren angewöhnt, zwischen zwei Extremen zu pendeln: Dem Vorwurf in die eigenen Reihen (bzw. der jeweiligen „gegnerischen Strömungen“), den Untergang der eigenen Partei bewirken zu wollen – und der Gesundbeterei, die sich exemplarisch im Satz des Vorsitzenden Klaus Ernst zeigt: „Eine Krise der LINKEN kann ich nicht erkennen“.
Damit eines klar ist: Weder das eine noch das andere hilft uns weiter. Nicht Gesundbeterei: Eine Niederlage ist eine Niederlage ist eine Niederlage. Und ebensowenig gegenseitige Schuldzuweisungen: Denn aus unserer Sicht hat das Berliner Ergebnis mindestens drei Ursachenfelder, die sich potenziert haben, und die wir alle in den Blick nehmen müssen:
1. die Neigung von relevanten Teilen der LINKEN, sowohl in Vorständen aller Ebenen wie auch an der Basis, sich wiederholt positiv auf die undemokratischen Seiten der Sozialismus-Erfahrungen zu beziehen und so eigentlich uns aufgeschlossene WählerInnenpotenziale in die Flucht zu schlagen;
2. die Unfähigkeit der Berliner LINKEN, ihre Außenwirkung in Handeln und Darstellung realistisch einzuschätzen, auch im Verhältnis zu politischen Konkurrenten und vor allem zur Berliner Bevölkerung, was zu einer erheblichen Selbstüberhebung und zur Abkoppelung von Diskursen des realen Lebens außerhalb der Parlamente geführt hat; und
3. das Unvermögen der gesamten LINKEN, Tempo und Dynamik der gesellschaftlichen Debatten wahrzunehmen, in die eigenen Überlegungen einzubauen und spezifisch LINKE Antworten zu geben.
Auf alle wollen wir im Folgenden näher eingehen.
Selbstbewusstsein an der falschen Stelle
Als die Arbeiter an der Stalinallee-Baustelle 1953 gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen protestierten und die Arbeit niederlegten, war eine beliebte Argumentationsfigur der SED dagegen: „Arbeiter! Was protestierst Du gegen Dich selbst? Dir gehört doch schon alles, die Arbeitsnormen hat doch die Regierung der Arbeiter und Bauern, also Du selbst, für Dich erhöht!“
Womit der überwiegenden Mehrheit klar ist, dass hier jemand den völlig gegenstandslosen Anspruch erhebt, für eine Mehrheit zu reden. Eine Mehrheit, von der er in Wahrheit keine Ahnung hat.
Dies ist kein aktuelles Problem der LINKEN? Vorsicht. Wir haben in jüngster Vergangenheit nicht nur den Anspruch Oskar Lafontaines gehört, dass wir die einzige demokratische Partei in Deutschland seien, sondern auch den Satz des Berliner Landesvorsitzenden Klaus Lederer nach dem erfolgreichen Volksentscheid zu den Berliner Wasserverträgen: „Wir haben aus dem Ergebnis dieses Volkentscheids gelernt, dass die Menschen uns nicht unbesehen vertrauen“. Was für eine politische Kultur ist es, in der überhaupt irgendein Politiker, irgendeine Politikerin erwartet, ja, in seinem und ihrem Denken davon ausgeht, dass die Bevölkerung ihm/ihr unbesehen vertraut?
Schlicht eine des Selbstbewusstseins an der falschen Stelle.
Angebracht ist das Selbstbewusstsein da, wo wir politische Erfolge vorzuweisen haben – von denen es auch in Berlin nicht wenige gibt – und in der Auseinandersetzung mit politischen Mitbewerbern, auch und gerade dann, wenn man mit ihnen koaliert. Allerdings ist ein Selbstbewusstsein in Form der Vorstellung einer Überlegenheit gegenüber dem Denken, Handeln und Fühlen der Menschen fehl am Platze.
Deshalb ist die Wahlniederlage keinesfalls allein auf die desolate Situation der Bundespartei abzuwälzen. Zweifelsfrei haben überflüssige bis hin zu schlicht dummen Äußerungen zu Mauer, Stasi, Kommunismus und vielem mehr die Berliner Linke einige Stimmen gekostet. Aber auch die Distanzierung von eben diesen Äußerungen mag Stimmen gekostet haben – wir haben schlicht in mehrere Richtungen gleichzeitig verloren. Wobei die gemessenen Stimmverluste der LINKEN in Richtung DKP bei 0,25/0,15% Gesamtergebnis aber vergleichsweise marginal gewesen sein dürften.
Wie kam es aber zur Herausbildung einer solchen Haltung der Überlegenheit gegenüber den Wählerinnen und Wählern? Hierzu kann exemplarisch ein Zitat eines Externen dienen. Der bekannte österreichische Journalist und Schriftsteller Robert Misik schreibt: „Die Berliner Linkspartei gehört zum modernistischen und pragmatischen Flügel der Partei. Und sie hat jetzt neun Jahre lang gut mitregiert. Also, wenn man mich fragt: Wenn ein Linke-Landesverband verdient hat, in der Regierung zu sein, dann der Berliner.“
So sieht das auch eine Mehrheit im Berliner Landesverband. Das Selbstverständnis ist: Man ist vernünftiger als andere Teile der Partei, und entsprechend vernünftig agiert man auch in der Senatskoalition, wo man der SPD entscheidende Millimeter Bewegung in Richtung soziale Gerechtigkeit und im Interesse der Bürger_innen abtrotzt.
Diese Verdienste wollen wir gar nicht kleinreden. Der entscheidende Fehler aber war, dass wir davon ausgegangen sind, dass die Bevölkerung diese Verdienste wahr und wichtig genommen hat. Dabei sind die konkreten politisch-inhaltlichen Auseinandersetzungen bei der Bewertung von Parteien und ihrem Personal für die Menschen überhaupt nicht wesentlich – ob uns das gefällt oder nicht. Entscheidend ist der emotionale Eindruck, das Image. Der Verlauf der Sympathiekurve von Renate Künast ist dafür ein beeindruckender Beleg.
Schlechte Haltungsnoten von den Wähler_innen
Wir wagen die These: Hauptursache der Wahlniederlage ist das Bild, das die Landespartei in den zwei zurückliegenden Legislaturperioden abgegeben hat. Ganz bewusst hat DIE LINKE Berlin sich für ein Image der totalen Seriosität entschieden und sich so selbst die Möglichkeit abgeschnitten, auch das Bedürfnis nach Protest noch mitbedienen zu können. Das gilt im Ostteil der Stadt noch mehr als im Westen, was die Stimmverteilung für die Piratenpartei (8,1/4,9 % West, 10,1/6,1 % Ost) deutlich macht. Im Westteil gewann DIE LINKE mit durchschnittlich 0,1 Prozentpunkten etwas, während im Ostteil 5,5 Prozentpunkte Verlust verbucht werden mussten , was darauf schließen lässt, dass trotz mehrerer strategischer Entscheidungen gegen das Wahlgebiet West (Image, Wahlkampfkonzeption auf „Hochburgen“ zugeschnitten) dort eine Stimmabgabe für DIE LINKE noch immer einen Hauch von Protestwahl atmet. Inhaltliche Unterstützung für den politischen Kurs kann man dort jedenfalls kaum messen; im Verhältnis zur alten PDS hat DIE LINKE das Wählerklientel im Westen fast völlig ausgetauscht.
Es ist an dieser Stelle nutz- und ziellos, wieder aufflammende Grundsatzdiskussionen über das prinzipielle Ja oder Nein zur Regierungsbeteiligung zu bedienen. Ebenso würde eine Aufzählung der Fehlgriffe im Regierungshandeln reflexhaft zu einer Gegenüberstellung von Leistungen führen und am Ende nur eine Art Streit über das Lesen eines Kontoauszuges herauskommen, bei dem niemand feststellen kann, ob man jetzt im Minus oder Plus ist. Viel wichtiger ist die Analyse, warum Wählerinnen und Wähler sich gegen uns entschieden haben.
Und das hat vor allem mit dem Habitus zu tun. Wähler_innen vergeben Haltungsnoten. Und die Entscheidung, an uns selbst vor allem die Seriosität zu schätzen, hat sich im Auftreten zu knochentrocken-staatstragend verdichtet. So wurde, gerade bei für uns entscheidenden Wählergruppen, der Eindruck genährt, wir seien – als Teil des etablierten Parteiensystems – mehr Teil des Problems als der Lösung, bestenfalls noch das sprichwörtliche „kleinere Übel“. Das gilt für Verluste in Ost wie West und hat sich über beide Legislaturperioden kontinuierlich aufgebaut.
Beispielsweise ist es in der Partei mittlerweile unumstritten, dass die erste Legislaturperiode mit PDS-Beteiligung aus linker Sicht kein Erfolg war. Geprägt war diese Periode von Privatisierungen öffentlichen Eigentums (z.B. der Wohnungsbaugesellschaft GSW), massiven Kürzungen im Sozialbereich (Sozialticket abgeschafft und danach für den doppelten Preis wieder eingeführt, drastische Kürzung des Blindengeldes) und allgemein einer Politik, die neoliberalen Dogmen folgte (PPP, Cross-Border Leasing, Versuch der Einführung von Studienkonten u.v.m.).
Dennoch bestand DIE LINKE darauf, die in der Koalition getroffenen Absprachen stärker nach außen zu vertreten als es die Vertreter_innen der SPD taten. Koalitionsloyalität wurde als Wert begriffen, der sich auch dem Normalbürger/der Normalbürgerin erschließen würde, was er selbstverständlich nicht tat. Der Verlust der Hälfte der Stimmen bei der Wahl von 2006 war dafür die Quittung.
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Ein gesunder Baum trägt gute Früchte, aber ein kranker Baum bringt doch nur totale Scheiße hervor.“
Obwohl die zweite Legislaturperiode von uns allgemein als deutlich erfolgreicher wahrgenommen wird, blieb bei der Bevölkerung vor allem der Eindruck hängen, dass auch die Politiker_innen der LINKEN längst von denselben Prämissen der Effizienzsteigerung, Verwertungslogik und Marktgängigkeit ausgehen wie die der anderen Parteien. Und dafür lieferte DIE LINKE auch weiterhin reichlich Belege.
Zum Beispiel: Während in der Stadt die Diskussion um den Sparkassenverkauf lief, wurde – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – die Gewerbesiedlungsgesellschaft (GSG) an den privaten Investor Orco verkauft. Die Logik, die hinter diesem Verkauf stand, war die alte neoliberale: Ein privater Investor kann mit der GSG Gewinn machen, der Staat aber nicht. Dass diese Logik genauso irrational ist, wie sie klingt, zeigte die Realität: Die privatisierte GSG ist pleite, aber Gewerberäume aus öffentlicher Hand gibt es in Berlin auch nicht mehr zu mieten.
Anderes Beispiel: Zum Ende der zweiten Legislaturperiode hat DIE LINKE sogar in ihrem Kerngebiet der Hartz-IV-Politik einen unverzeihlichen Fauxpas begangen: Mit der sogenannten „Joboffensive“ startete Rot-Rot aus der LINKEN-geführten Sozialverwaltung heraus eine extreme Verschärfung des Repressionsregimes von Hartz IV und begann über 60.000 Betroffene in Berlin ohne Not unter massiven Druck zu setzen, um sie in zumeist Billigjobs zu zwingen. Eine solche Politik widerspricht selbstverständlich strömungsübergreifend dem programmatischen Diskurs zur Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in der Partei. Und auch hier zeigte sich wieder einmal die Entfremdung zur realen Welt. Ganz in der bekannten Begleitrhetorik von Hartz IV sollte die „Betreuung“ verbessert werden. Wer nicht nur im Wahlkampf mit Betroffenen spricht, wird wissen, dass eher weniger „Betreuung“, sprich weniger Druck und Erniedrigung notwendig ist.
Das gesamte Problem der Entfremdung von den realen Gegebenheiten und der Abkopplung von gesellschaftlichen Diskursen kommt nicht von ungefähr.
An Sprache und Denken der Menschen vorbei
Ein Paradebeispiel dafür ist unser Umgang mit dem Volksbegehren Berliner Wasser. Sowohl persönliche als auch parteipolitische Animositäten zwischen den Initiator_innen und unserer Führungsriege haben diese dazu verführt, unseren eigenen Apparat gegen den nur temporären Apparat des Volksbegehrens in Stellung zu bringen, ohne vorherzusehen, welche immensen Verluste damit bei der eigenen Basis sowie in der Bevölkerung damit verbunden sein würden.
Hier zeigte sich exemplarisch die Entfremdung der in Abgeordnetenhaus und Senatsverwaltung arbeitenden LINKEN von Denken und Fühlen der „normalen“ Berliner_innen. Aus den – allesamt technokratisch-juristischen – Argumenten der LINKEN sprach zwar ein hoher Sachverstand, aber eben auch ein noch höherer Sachbearbeiterethos. Die Stellungnahmen von Parteivertreter_innen machten deutlich, dass man in der LINKEN Politik mittlerweile als Sache versteht, die in Sitzungsräumen, Senator_innenbüros und Plenarsälen gemacht wird. Dass sich „draußen“ ein völlig anderer Diskurs entwickelt, der keine Paragraphenbelehrung durch hauptamtlich tätige Politiker_innen möchte, sondern schlicht den exorbitanten Wasserpreisen und der Verscherbelung öffentlichen Eigentums ein Ende setzen wollte, wurde nicht wahr-, bzw. wahrscheinlicher, nicht ernstgenommen. Diese Entfremdung vom realen Geschehen in die Isolation der Schreibstuben eines Parlamentes dürfte ein ganz wesentlicher Punkt für die Müdigkeit der Berliner Linken sein.
Mit dem Volksbegehren hatte sich eine einmalige Chance für DIE LINKE geöffnet: eine Bewegung, in der Ost und West gemeinsam für ein Kernthema der LINKEN, nämlich für den Schutz der öffentlichen Daseinsvorsorge, streiten. Statt sich hier einzubringen, wurde sogar dazu aufgerufen, entweder der Urne fernzubleiben oder aber mit ‚nein’ zu stimmen.
Und wie ging Klaus Wowereit mit dem Thema und dieser Bewegung um? Er erinnerte die Menschen daran, dass Harald Wolf als Mitglied des Aufsichtsrates der Berliner Wasserbetriebe den überhöhten Preisen immer zustimmte. Nicht anständig, aber geschickt und effektiv.
Lehren aus den Botschaften der Wähler_innen ziehen
So konnte es kommen, dass Wowereit und die SPD alle Unzufriedenheit mit der Leistung des Senates bei uns abladen, und selbst davon relativ unbeschädigt bleiben konnte. Unsere Antwort war eine Art Oppositionswahlkampf, der nicht nur von den Medien immer wieder nach der Art kommentiert wurde: „Und warum habt ihr in den letzten fünf Jahren daran nichts gemacht?“
Das galt für die sich verschärfende Mietenproblematik und die Gentrifizierungsdebatte ebenso wie für die allgemeine soziale Lage in der Stadt. Bei ersterem diente als Beleg, dass die Tourismusentwicklung mit ihren schon jetzt absehbaren Tendenzen – Entmietung der Innenstadtbezirke, Geschäftesterben, Verödung, Lärmbelästigung und Billigjobs – auch vom LINKEN-Wirtschaftssenator propagiert wird. Und bei letzterem ist einfach die Erwartung enttäuscht worden, dass eine LINKE in Landesregierungsverantwortung sich erfolgreich gegen die Ergebnisse einer verfehlten Bundespolitik stemmen kann. Wenn dieser Erfolg nicht sichtbar wird und sich die Lage sogar verschärft, wird dies nicht nur der Bundesregierung angelastet, sondern fällt auch auf eine Landesregierung zurück. So blieb es uns diesmal verwehrt, was anderen (Grüne, CSU und manchmal sogar der FDP) so oft zugebilligt wird: als Opposition in der Regierung zu erscheinen. Erstaunlicher- und glücklicherweise wurde in Berlin nicht unsere These bestätigt, dass, wenn die Soziale Frage zu drängend wird und wir nicht als Träger dieses Protestes attraktiv erscheinen, die Rechte gestärkt wird. Vielmehr suchte sich der Protest hier ein eher linkes, libertäres, egalitäres und progressiv erscheinendes Ventil: die Piratenpartei.
Den Vorwürfen aus unseren Reihen an die Adresse der Piraten möchten wir hier entschieden entgegenhalten: Uns ist der Erfolg der Piraten erst mal sympathisch. Wenn das städtische Milieu uns mit der Wahl der Piraten etwas mitteilen möchte, können wir mit dieser Herausforderung umgehen. Wohingegen uns nur der direkte Abwehrkampf bleibt, wenn – wie im eher ländlichen Milieu – die Wähler_innen die Soziale Frage lieber von der NPD als von uns beantwortet sähen.
Das Ergebnis der Piratenpartei und die Wählerwanderung von LINKEN zu Piraten, mit 13.000 Stimmen die mit Abstand größte Gruppe ehemaliger LINKEN-Wähler, führt uns zu unserer dritten Ausgangsthese: Dass DIE LINKE die aktuellen Debatten nicht verfolgt und in sie eingreift, sondern – in ihrer aktuellen Verfasstheit – hoffnungslos zurückbleibt. Nicht nur unser Umgang mit dem Thema Bedingungsloses Grundeinkommen weist uns als in altem Denken erstarrt aus, auch unsere innere Verfasstheit wird von diesem sich hier äußernden Bedürfnis nach neuen, partizipativen Methoden, nach einer offeneren Politikform enorm herausgefordert.
Das alte PDS-Erfolgsmodell der „Kümmererpartei“, so nötig es war und für die Menschen, die es brauchen und in Anspruch nehmen, auch heute noch ist, ist eben auch – paternalistisch. Und das von der Piratenpartei vorgelebte Modell der „Mitmachpartei“ wird, möglicherweise zu unserer Verwunderung, heute von immer mehr Menschen verlangt und erwartet – und worauf treffen sie dann bei uns?
Überall in der Partei, wir möchten betonen: im Berliner Landesverband genauso wie anderswo, zeigt sich DIE LINKE zurzeit als Partei in ihrer schlechtesten Definition, mit Seilschaften, Durchwählen, Fraktionszwang, Disziplin. Volker Pispers‘ Weisheit: „Wenn nur eine Person kandidiert, dann ist es eine Wahl. Wenn aber zwei Personen kandidieren, dann ist es eine Kampfkandidatur.“ lässt sich auf die Realitäten der Berliner LINKEN genauso gut anwenden, wie die bahnbrechende Analyse, die Robert Michels vor 100 Jahren über das Parteiinnenleben am Beispiel der SPD entworfen hat.
„Das Mandat legitimiert das Mandat“ und andere Erkenntnisse aus Michels’ Wälzer erscheinen wie Beobachtungen von Versammlungen der Berliner LINKEN. Solange aber bei Listenaufstellungen der Berliner LINKEN eine Kandidatur gegen einen Vorschlag des Vorstandes ein unverzeihlicher Fehler auf dem innerparteilichen Karriereweg bleibt, solange Konflikte statt ausdiskutiert gedeckelt und unterdrückt werden, solange die Strömungslogik dazu zwingt, dass auch relevante Minderheiten knallhart ausgeschlossen werden, solange auf die leiseste Kritik mit aggressiver Zurückweisung reagiert wird, solange wird DIE LINKE müde und unattraktiv bleiben.
Dagegen können wir, müssen wir etwas tun. Als Stichworte fallen uns, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ein:
- mehr Respekt – untereinander, und vor allem gegenüber den Bürger_innen. Wir können gar nicht zu viel Geduld haben.
- mehr Transparenz – auch und gerade in Regierungskoalitionen: Was wir absprachegemäß geheim halten, darüber redet die SPD (oft laut und gern unwahr).
- mehr Mut – zu originellen Gedanken, sperrigen Positionen und zu offenen Entscheidungen, bei Positionen wie Personal.
- die Bereitschaft, offene Worte nicht als Waffe einzusetzen, sondern um Lernprozesse zu befördern.
- die Bereitschaft, uns öfter zu hinterfragen, uns immer wieder neu zu erfinden und unsere Egos nicht zu wichtig zu nehmen. Wobei wir gleichzeitig persönliche Kränkungen unbedingt unterlassen müssen.
Dies soll alles kein Befeuern von Strömungsauseinandersetzungen sein, sondern im Gegenteil ein Beitrag zu deren Überwindung. Die Zukunft der LINKEN, auch des Berliner Landesverbandes, liegt jenseits bekannter Strömungslogiken. Weder mit konservativen Gewerkschaftern, die sich mit Verbalradikalität und Bekenntnispolitik hervortun, ist ein Blumentopf zu gewinnen, noch mit Sachzwang-Politikern, die nach einem Karrierebeginn als FDJ-Gruppenleiter zu vollintegrierten apolitischen Sachbearbeitern wurden. Wir wissen natürlich, dass solche Sätze sofort eine Verteidigungshaltung herausfordern, und bitten dennoch, ausnahmsweise solche Reflexe zu unterdrücken. Harald Werner beschreibt diese Zwickmühle der LINKEN so:
„Problematisch an der ganzen Angelegenheit ist, dass die kontrahierenden Flügel bisher weder durch gute Worte noch durch schlechte Erfahrungen davon abgehalten werden konnten, dass die einen in ein naheliegendes Fettnäpfchen treten und die anderen aus eben diesem Grunde ein Fass aufmachen.“
Welchen Eindruck wir dabei aber machen, das kann man vielleicht am besten mit Loriot erklären: Sein Frühstücksei-Dialog ist ein Paradebeispiel an Kommunikationsfehlern und Konzentration auf das eigene ich: Auf den Hinweis, dass das Ei zu hart sei, reagiert Berta in der Überzeugung der routinierten Ehe- und Hausfrau, für ihren Gatten quasi per definitionem das Richtige zu tun. Problem ist nicht mehr der schlichte Umstand eines hart gekochten Eis, sondern die Diskrepanz beider Eheleute, die mit dem selbstgesteckten Anspruch, schon zu wissen, was gut für das Gegenüber ist, nicht einhergeht. Dass Loriot das Stück in Form einer Tragödie inszenierte, sollte eine Warnung sein.
* Unsere Wahlanalyse stand ursprünglich unter dem Titel „Mit brennender Sorge“, die Überschrift einer Enzyklika von Papst Pius XI aus dem Jahr 1937. Die Redewendung ist im süddeutschen Sprachraum in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen als Synonym für „notwendige Wortmeldung bei drohender Gefahr im Verzuge“. Da unser Berliner Koordinierungskreis zur Hälfte mit Süddeutschen besetzt ist, haben wir das Zitat in diesem Sinne gebraucht. Im norddeutschen Sprachraum ist diese Wortkombination als geflügeltes Wort jedoch unbekannt und kann als Vergleich der LINKEN mit dem NS-Regime gelesen werden bzw. als Vergleich der Emanzipatorischen Linken mit der Katholischen Kirche. Solche Parallelen zu ziehen war von uns selbstverständlich nicht beabsichtigt, deshalb haben wir den Titel abgeändert.
Wahlanalyse (zum Download in einer Version mit Fußnoten)